Ferne Welten — Fremde Schätze

Ethno­gra­fische Objekte und frühe Fotografien aus Niederländisch-Indien

Bilder einer Ausstellung von 2020
Presse- und Medien­spiegel
Kurzbio­grafien der Appen­zeller “Indien­gänger“
und ein Buchauszug

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Die sogenannte “Borneo-Abteilung” im Museum Heiden ist das Zentrum der Sonder­aus­stellung — und Ausgangs­punkt der Prove­ni­enz­for­schung, die zum Projekt “Ferne Welten…” führte.

Die Insze­nierung wurde 1952 als Teil der Natur­his­to­ri­schen Ausstellung einge­richtet und bis heute nicht verändert — ein Museum im Museum. Flankiert von Vitrinen mit exoti­schen Tieren steht eine Wand mit Waffen (Speere, Schwerter, Dolche, Schilde) im Mittel­punkt. In den Stand­vi­trinen: Flechtwerk und Schmuck aus “Niederländisch-Indien”.

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Die ethno­gra­fi­schen Sammlungs­ob­jekte des Museums Heiden wurden einer Neube­ur­teilung durch Experten unter­zogen. In der Ausstellung werden Originale und Dokumen­ta­tionen einander gegen­über­ge­stellt. Tierprä­parate aus der Natur­his­to­ri­schen Sammlung setzen zusätz­liche exotische Akzente.

 
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Die fotogra­fische Sammlung aus dem Nachlass von Traugott Zimmermann-Sonderegger entpuppte sich als Trouvaille. Sie beinhaltet neben seinen eigenen Fotografien mit intimen Einblicken in die Schweizer Gemein­schaft auf Java und Sumatra auch eine Anzahl zugekaufter Fotografien im Stil des “Pikto­ri­a­lismus”, einer Fotokunst­be­wegung aus der Frühzeit der Fotografie.

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Zur Ausstellung 2020 erschien im Verlag édition clandestin das Buch
Ferne Welten – fremde Schätze

Beim Verlag vergriffen!

Letzte Exemplare im museum Heiden: Bestellung: info@museum-heiden.ch

Ferne Welten – fremde Schätze
Ethno­gra­fische Objekte und frühe Fotografien 
aus Niederländisch-Indien im Museum Heiden

Hardcover, 188 Seiten, 24.0 x 30.5 cm

Verlag: edition clandestin
www.edition-clandestin.ch

Autoren:

Andreas Zangger, Dr. phil., freischaf­fender Histo­riker.
Ralph Harb, Gestalter und Kurator
Andreas Isler, Dr. phil., Kurator am Völker­kun­de­museum der Univer­sität Zürich. 
Hans Bjarne Thomsen, Professor und Lehrstuhl­in­haber, Abteilung Ostasia­tische Kunst­ge­schichte, Univer­sität Zürich.
Paolo Maiullari, Kurator und Verant­wort­licher der Forschungs­ab­teilung des Museo delle Culture, Lugano. 
Angelika Widrig, Bachelor in Ethno­logie an der Univer­sität Zürich.
Patrick Thür, lic. phil., Ethnologe und Künstler.
Wendelin Kugler, lic. phil., Ethnologe, Wissen­schaft­licher Mitar­beiter Histo­ri­sches Museum Thurgau.

Das Buch vereinigt drei verschiedene Anliegen. 

Zum einen ist es eine histo­rische Studie, die ein Bild der kolonialen Verhält­nisse in Südost­asien und der Verflech­tungen mit der Schweiz entwirft. Vor diesem Hinter­grund stehen vier ausführ­liche Biografien von Ausser­rhoder Persön­lich­keiten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts in Indonesien koloniale Karriere machten – mehr und weniger erfolg­reich.

Zum zweiten ist es ein Fotoband. Im Nachlass von Traugott Zimmermann befand sich eine ansehn­liche Fotosammlung. Die Bilder geben Einblick in die koloniale Welt der Protago­nisten (Schweizer in Indonesien) wie auch in Lebens­welten der Einhei­mi­schen.  

Das Buch ist auch ein Sammlungs­ka­talog. Die «Indonesien-Sammlung» im Museum Heiden ist ein kleiner, aber feiner Bestand von ethno­gra­fi­schen Objekten aus dem ehema­ligen «Niederländisch-Indien». Der ausführlich kommen­tierte Katalog bildet den dritten Teil des Buchs.

 

Das Buch wurde ermög­licht durch die Unter­stützung der Gemeinde Heiden, der Kultur­för­derung Appenzell Ausser­rhoden, der Steinegg Stiftung, der Dr. Fred Styger Stiftung für Kultur, Bildung und Wissen­schaft sowie der Bertold-Suhner-Stiftung.

 

Teil 1

Ausser­rhoder in Südost­asien – Biografien

Johann Conrad Sonder­egger
1834–1885
Der erste Schweizer Konsul in Batavia (Java).

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Johann Conrad Sonder­egger wurde am 4. Juni 1834 in Wald AR geboren und wuchs in Trogen auf, wo sein Vater Gemein­de­hauptmann war. Er besuchte die Kantons­schule in St.Gallen und trat danach eine Kaufmanns­lehre bei Salomon Zellweger in Trogen an.

Zellweger besass eine Textil­han­dels­firma in Amsterdam, wo Conrad Sonder­egger nach der Lehre seine ersten Auslan­d­er­fah­rungen machte und Hollän­disch lernte. Dies eröffnete ihm den Zugang zu Südost­asien, damals Niederländisch-Indien, hollän­dische Kolonie.
1855, mit 21 Jahren, reiste er nach Batavia, wo er als Assistent beim deutschen Handelshaus Eduard Moormann & Co. einstieg. Sechs Jahre später wurde er Gerant und war zuständig für Import, Logistik und Versi­che­rungen. Als Importeur von Ostschweizer Textilien liess er eigens für den Markt produ­zieren. Vor allem Batik-Imitationen fanden zeitweilig einen guten Absatz. Als Versi­cherung band er die St.Galler «Helvetia» ein, eine der ältesten Trans­port­ver­si­che­rungen der Welt.

Die Beför­derung zum Manager öffnete Sonder­egger viele Türen, sowohl in Batavia wie auch in der Schweiz. Als die nieder­län­dische Regierung 1860 anderen Staaten die Errichtung von Konsu­laten gestattete, konnte die Regierung von Appenzell AR mit Hilfe aus St.Gallen die Wahl von Conrad Sonder­egger durch­setzen. Dieser wurde erster Schweizer Konsul von Batavia und amtete von 1863–1871.

Die ehren­amt­liche Tätigkeit als Konsul brachte zwar Prestige, war aber auch belastend. Sonder­egger verbrachte seine Zeit mit dem Abfassen von Handels­be­richten, dem Ausstellen von Pässen oder von Toten­scheinen für Schweizer Söldner, von denen es in Niederländisch-Indien viele gab. Ander­seits konnte Sonder­egger auch die Möglich­keiten seines weiten Bezie­hungs­netzes nutzen und betei­ligte sich als Financier an profi­tablen Kaffee- und Zucker­plan­tagen. Als Unter­nehmer reiste er viel, in der Region zwischen seinen Partner­firmen in Semarang und Surabaya, aber auch mehrmals nach Europa. Auf seiner vierten Heimreise 1885 musste er sich in Amsterdam einer Operation unter­ziehen, die er nicht überlebte.

Conrad Sonder­egger scheint ein zurück­hal­tender Einzel­gänger gewesen zu sein. Er hatte nie gehei­ratet, ein Umstand, der seinem Sozial­leben in der Kolonie nicht besonders förderlich war, denn es waren die Ehefrauen, die für den sozialen Kontakt zuständig waren.

 

Hermann Küng-Ganno
1842–1871
Tabak-Plantagenpionier auf der «Sæntis Estate».

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Hermann Küng kam 1842 in Heiden in einer bildungs­bür­ger­lichen Familie zur Welt. Die Mutter Charlotte Wilhelmine, Tochter des bekannten Pädagogen Hermann Krüsi, hatte den verwit­weten Dorfarzt Johannes Konrad Küng gehei­ratet; gemeinsam zogen sie elf Kinder gross.

Hermann profi­tierte vom grossen Bezie­hungsnetz seiner Eltern und konnte ab 1860 eine Lehre als Textil­kaufmann bei Friedrich Imhoof in Winterthur machen. Imhoof war ein grosser Ostschweizer Textil­händler, der im Handel mit Südost­asien aktiv war. Auch Hermann Küng trat nach seiner Lehre eine Stelle in Singapur an, bei Remé, Levesohn & Co., einem Partner­un­ter­nehmen Imhoofs (ab 1864).

Nach anfäng­lichem Erfolg als Prokurist verscherzte sich Hermann Küng die Sympa­thien der europäi­schen Gemein­schaft in Singapur, indem er 1869 eine «Einhei­mische» heiratete: Mary Ganno, Tochter eines ameri­ka­ni­schen Vaters und einer moluk­ki­schen Mutter. Er musste seine Karriere in Singapur abbrechen.

Neue Chancen boten sich Hermann Küng im nahen Sumatra, wo die Nieder­länder als Koloni­al­macht gerade den Tabak­anbau forcierten. Im Gebiet Percut erhielt Küng vom Sultan ein Stück Land von rund 1‘400 Hektaren in Pacht. Die Pionier­jahre in der Tabak­kultur waren aller­dings von grossen Schwie­rig­keiten geprägt. Es gab auf Sumatra kaum staat­liche (koloniale) Struk­turen, und die Europäer mussten ihre Autorität gegen eine Überzahl von «Kontrakt­ar­beitern» behaupten, die ihnen nicht freundlich gesonnen waren. Zudem hatten diese «Pflanzer» kaum Kennt­nisse vom Tabak­anbau und mussten sich alles von der lokalen Bevöl­kerung und erfah­renen Tabak­bauern zeigen lassen.

Im August 1871 zog Hermann Küng mit seinem Schweizer Assis­tenten Theo Meyer, einem chine­si­schen Koch und 25 Kulis auf seine Plantage, die er in einem Anflug von Heimweh «Sæntis Estate» getauft hatte.
Seine Frau Mary und sein Sohn Johann Kaspar waren vorerst in Singapur geblieben. Nach Erbauung eines ersten Wohnhauses zogen Küng und Meyer dort mit ihren Kulis ein – eine fatale Entscheidung. Ein zweiter Fehler: Küng hatte darauf verzichtet, einen «Tandil» einzu­stellen, einen Vorar­beiter, der die Arbeiter in Schach hielt. Am 8. Oktober 1871 wurden Küng und Meyer von ihren Kulis ermordet. Es war ein profaner Raubmord: Es waren Dollar­münzen im Spiel.
Hermann Küng und Theo Meyer wurden später in Labuan (Java) unter Teilnahme der europäi­schen Gemein­schaft sowie des Sultans feierlich begraben.

 

Johannes Küng-Mösli
1836–1908
Ein Gemein­derat aus Heiden wird Tabak­pflanzer in Sumatra.

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Johannes war der älteste Sohn aus der zweiten Ehe des Vaters Johannes Konrad mit Charlotte Wilhelmine Krüsi. Seine Lehr- und Wander­jahre kennen wir nur bruch­stückhaft. Verbürgt ist eine Lehre als Zimmermann in Winterthur sowie seine Assistenz bei seinem Vater, der als Wundarzt und Geburts­helfer in Heiden tätig war. Dazwi­schen scheint er ausgiebig auf Wander­schaft gewesen zu sein. 1865 heiratete er in Heiden Emma Mösli. Johannes und Emma führten gemeinsam die Pension «Paradiesli», die sich im aufkom­menden Kurwesen in Heiden prächtig entwi­ckelte. Das Paar hatte drei Töchter. Johannes wurde Gemein­derat. Ein bürger­liches Leben bahnte sich an.

Doch dann schrieb ihm sein Bruder Hermann über die aussichts­reiche Tätigkeit als Tabak­pflanzer auf Sumatra, worauf ihn das Fernweh packte. Er beschloss, mit seiner Familie nach Asien zu reisen, um mit seinem Bruder die Plantage zu führen. Und dann kam die Nachricht vom Tod des Bruders Hermann, was die Pläne durch­ein­an­der­brachte. Zur Klärung der Besitz­ver­hält­nisse reiste Johannes Küng 1871 nach Sumatra und brachte die Plantage seines Bruders unter seine Obhut. Mit der Zeit gedieh die Plantage so gut, dass Küng seine Frau nachrief. Die Kinder blieben in der Heimat bei Verwandten.

Doch die Lage in Sumatra war alles andere als sicher. Es drohten tropische Krank­heiten, und auch die Sicherheit an Leib und Leben war nicht gewähr­leistet. Es gab Raubzüge von Banden und ethnische Konflikte, der Alltag auf den Plantagen war von Gewalt und Angst geprägt. Das Leben in Deli bestand aus Arbeit vom Sonnen­aufgang bis zum Sonnen­un­tergang. Für die Europäer gab es wenig Unter­haltung. Einige verlegten sich auf die Jagd, andere erlagen dem Tropen­koller und ersäuften diesen in Alkohol.

1881 konnte Küng die Leitung der Plantage seinem Stell­ver­treter überlassen und mit seiner Frau und den in Sumatra geborenen Kindern erstmals zurück in die Schweiz fahren. Emma Küng blieb von da an in Heiden bei den Kindern. Johannes Küng ging wieder nach Sumatra und kümmerte sich um die Plantage, die er 1886 wegen Kapital­mangels verkaufen musste. Als Teilhaber blieb er aber bis 1896 im Geschäft. Dann zog er sich endgültig nach Heiden zurück, wo er die Pension «Paradies» umbaute und sich mit Botanik und Bienen­zucht beschäf­tigte. Er starb 1908 als unauf­fäl­liger Pensionär in Heiden.

 

Johann Traugott Zimmermann-Sonderegger
1854–1918
Goldrausch in Indonesien

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Johann Traugott Zimmermann kam 1854 in Bischofszell zur Welt und verbrachte seine Jugend in Speicher, wo sein Vater Sekun­dar­lehrer war. Er besuchte die Kantons­schule in Trogen und absol­vierte dann eine kaufmän­nische Lehre in St.Gallen.

1873, erst 19jährig, zog er nach Batavia, wo er eine Anstellung beim Handelshaus Niederer & Co. antrat, das mit Ostschweizer Textilien schon früh in Java Fuss gefasst hatte. Einige Jahre später wechselte er zum deutschen Handelshaus Engelhard & Co. und leitete das Haus in Batavia ab 1885. 1891 wurde Engelhard liqui­diert. Zimmermann übernahm die Konkurs­masse und gründete mit Hilfe deutscher Kapital­geber seine eigene Firma: Zimmermann & Co., Import- und Kommis­si­ons­handel.

Schon bald verlegte sich der umtriebige Zimmermann auf einen neuen Geschäfts­zweig: die Finan­zierung und das Management von Minen­ge­sell­schaften. Dabei ging es fast ausschliesslich um Goldminen; in Niederländisch-Indien herrschte ein eigent­licher Goldrausch. Zimmermann engagierte sich im Handel mit Konzes­sionen und betei­ligte sich an verschie­denen Bergbau­ge­sell­schaften, oft zusammen mit seinem Partner Landberg, mit dem zusammen er ein gutes Dutzend Firmen gründete. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere besass er ein Handelshaus unter eigenem Namen, fungierte als Direktor einiger Minen­ge­sell­schaften und war gerade auch noch zum Schweizer Konsul befördert worden (1897–99).

Doch schon bald kamen die ersten Probleme. Die Erträge der Minen erfüllten die Erwar­tungen nicht. Die Inves­toren wurden unzufrieden und wandten sich von Zimmermann ab. In der Geschäftswelt Batavias war er angeschlagen. Zwei Jahre später beschloss er auf einem Heimurlaub, nicht mehr nach Batavia zurück­zu­kehren.

Inter­essant sind Zimmer­manns persön­liche Verhält­nisse. 1880 hatte er die 20 Jahre ältere ‹Inlän­derin› Wilhelmina Magdalena Zadrac von Menado auf Nordsu­lawesi gehei­ratet. Sie war Witwe und zuvor mit einem nieder­län­di­schen Kapitän verhei­ratet gewesen. Magdalena wird (in Zeitzeug­nissen) als imponie­rende Persön­lichkeit beschrieben. Sie soll Kennt­nisse als Natur­hei­lerin gehabt haben und eine hervor­ra­gende Gastge­berin gewesen sein. Sie starb 1894 mit 59 Jahren.
1896 heiratete Zimmermann in Heiden ein zweites Mal: Anna Katharina Sonder­egger. Gemeinsam reisten sie nach Java, aber Anna Katharina wurde dort nicht glücklich und reiste nach vier Jahren wieder zurück. Auch Traugott Zimmermann zog sich um 1908 endgültig nach Heiden zurück, wo er sich vor allem noch der Philatelie widmete.

 

Teil 2

Buchauszug aus Ferne Welten – fremde Schätze

Text: Andreas Zangger und Ralph Harb

Emanzi­pation und Aufstieg des

Auser­rhoder Bürgertums

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhun­derts war für Heiden und das Appen­zeller Vorderland eine goldene Zeit. Kur- und Gesund­heits­tou­rismus, aber auch die erfolg­reiche Vermarktung von lokal her­gestellten und veredelten Textilien sorgten für gutes Auskommen und Selbst­be­wusstsein im Bürgertum. Vor diesem Hinter­grund folgten einige Mutige auch dem Drang, die engen räumlichen Grenzen zu sprengen und an der Erwei­terung der Welt zu parti­zi­pieren.

Zeugen dieses Aufbruchs aus der Enge sind die ethno­gra­fi­schen Objekte, die bereits zu Beginn des 20. Jahr­hunderts als Schen­kungen ins Museum Heiden gelangten. Diese bieten Anlass, sich mit den Personen zu befassen, die dahinter stehen, und eröffnen einen Blick in ein Stück (schweize­rischer) kolonialer Vergan­genheit.

Ein Prunk­schild der Dayak auf Borneo, verzierte Dolche und Gürtel­schnallen aus Java, ein Modell eines Batak­hauses aus Sumatra: Solche Gegen­stände würde man nicht in einem Dorfmuseum im Appen­zeller Vorderland vermuten. Und doch wartet das Histo­rische Museum des beschau­lichen Dorfes Heiden mit einer ansehn­lichen ethno­gra­fi­schen Sammlung auf. Die Objekte gelangten nach 1900 an das Museum und ergänzten das bereits bestehende Natura­li­en­ka­binett um ein exoti­sches Highlight, das dem damals inter­na­tional bekannten Kurort gut anstand. Neben einer Prise Exotik sollten die Ethno­grafika den Besuchern Einblicke in Natur und Kultur des Menschen vermitteln. Doch eigentlich verweist die Sammlung auch auf ein Stück Geschichte des Appen­zel­ler­lands. Durch die Textil­in­dustrie war der Kanton schon länger mit Südost­asien verbunden. Es waren Appen­zeller Textil­kauf­leute, die dem Museum Heiden die zoolo­gi­schen und ethno­gra­fi­schen Objekte aus Indonesien vermachten. Die Sammlungs­stücke sind Ausdruck und Beleg der weitrei­chenden Netzwerke der Appen­zeller und Ostschweizer Textil­in­dustrie.

Blicken wir also zunächst auf das soziale Umfeld, in dem das Museum Heiden und die Schen­kungen aus dem fernen Asien möglich wurden. Drei Faktoren waren dafür bedeutsam: erstens ein gewisser Wohlstand, der ein Bedürfnis nach Selbst­re­prä­sen­tation weckte, zweitens ein Interesse an Bildung und drittens die erwähnten globalen Netzwerke der Indus­tri­ellen.

Die Textil­industrie im Kanton Appen­zell Ausser­rhoden

Die Entwicklung der Ost­­­schweizer Kantone zwi­schen 1800 und 1900 zeugt in der Gesamt­schau von einem selbst­be­wussten und energi­schen wirtschaft­lichen und gesell­schaft­lichen Aufbruch. Appenzell Ausser­rhoden mit seiner voral­pinen Lage schien eher für eine landwirt­schaft­liche Nutzung präde­sti­niert, doch waren die bebau­baren Flächen knapp. Zudem schränkten die Höhenlage und die langen Winter die Anbau­op­tionen ein. Deshalb wurde auf den verstreuten Gehöften schon früh auf ein zweites Standbein gesetzt: die Produktion und Veredlung von Stoffen.  Die Mehrheit der bäuer­lichen Bevöl­kerung im Kanton war damit beschäftigt. Im Webkeller sassen oft alle Famili­en­mit­glieder, von den zahlreichen Kindern bis zu den Greisen, von Sonnen­aufgang bis in die späten Nacht­stunden an den Webstühlen. Bei vielen Familien überwog das Einkommen aus der Textil­pro­duktion dasjenige aus der Landwirt­schaft. So sahen sich die Heimar­beiter eher als Weber mit etwas Vieh im Stall denn als Landwirte mit einem Webstuhl. Die Heimweber verstanden sich als Selbstän­dig­er­wer­bende und nicht als  Indus­trie­pro­le­tariat. Das lag am sogenannten «Verlags­system», das den Heimar­beitern ein bisschen Selbstän­digkeit, aber auch ein hohes Risiko übertrug. Sie waren den Kaufleuten und Ferggern – den «Verlegern» – ebenso ausge­liefert wie andernorts die Fabrik­ar­beiter den Fabrik­herren. Die Textil­in­dustrie war immer schon schnell­lebig und von hohem Termin- und Preis­druck gekenn­zeichnet.

Appen­zeller Kaufmanns­dynastien

Anfangs traten St.Galler Kaufleute als Auftrag­geber auf, doch mit der Zeit konnte Ausser­rhoden auch eigene Produktions- und Vertriebs­struk­turen aufbauen. Im Gegensatz zu den Städten mit ihren Zunft­ord­nungen, die genau umschrieben, welche Arbeiten ein Mitglied ausführen durfte und welche nicht, genossen ländliche Regionen wie Ausser­rhoden mehr Freiheiten in solchen Fragen. Diese Freiheit war die Grundlage für die wirtschaft­liche Emanzi­pation der Appen­zeller Kaufleute insbe­sondere vom monopo­lis­ti­schen Handels­platz St.Gallen. Proto­ty­pisch war die Familie Zellweger aus Trogen. Sie gilt heute noch als Vorbild für Risiko­be­reit­schaft und für den Einsatz für das Gemeinwohl: «Die politi­schen und wirtschaft­lichen Rahmen­be­din­gungen mit einer nahezu vollstän­digen Gewerbe‑, Handels- und Abgaben­freiheit machten Appenzell Ausser­rhoden sozusagen zum «El Dorado» für unkon­ven­tio­nelle Fabri­kanten und risiko­be­reite Geschäfts­leute. Im Vergleich zu den übrigen Schweizer Landkan­tonen war Appenzell Ausser­rhoden deshalb sehr früh und dicht indus­tria­li­siert. Bereits im 17. Jahrhundert wirkten Schweizer Kaufleute am franzö­si­schen Handels­platz Lyon erfolg­reich mit. Unter ihnen waren die St.Galler und die Appen­zeller führend. Beiden wurden dieselben Privi­legien, nämlich Zoll- und Steuer­freiheit einge­räumt. Damit wurde ein spezi­fischer schwei­ze­ri­scher Unter­neh­mer­typus geschaffen: der global ausge­richtete, export­ori­en­tierte Händler und Fabrikant, der sich auf Nischen- und Quali­täts­pro­dukte konzen­trierte. Es gehörte für die famili­en­ge­führten Handels­häuser bald zur Tradition, dass sich die Nachkommen im Ausland weiter­bil­deten. Es war eine ideale Möglichkeit, sich vom in der Fremde Vorge­fun­denen inspi­rieren zu lassen. Die zukünf­tigen Entschei­dungs­träger bauten dabei ein möglichst tragfä­higes Bezie­hungsnetz im Ausland auf und engagierten sich aufgrund der ausge­prägten Kommunal- und Miliz­tra­dition in der Heimat auf gesell­schaft­licher und politi­scher Ebene. Ein erfolg­reicher Vertreter dieses Unter­neh­mer­typus war die Familie Zellweger aus Trogen, die über mehrere Genera­tionen zu den grossen Schweizer Kaufmanns­fa­milien gehörte. Sie bestimmte die politi­schen und wirtschaft­lichen Geschicke der Ostschweiz und der Eidge­nos­sen­schaft in massgeb­licher Weise mit. Sie verfügte über eigene Filialen an den wichtigsten Handels­plätzen Europas. Dies schaffte die Möglichkeit, frühzeitig Trends und neue Erfin­dungen zu erkennen und zu nutzen. Das Handelshaus Zellweger pflegte mit führenden Persön­lich­keiten in der Schweiz, in Europa und in Übersee enge politische, wirtschaft­liche und geistige Kontakte.»

Die Kaufleute im Fernhandel gingen oft hohe Risiken ein. Unsicher­heiten bestanden im Transport, in den Zahlungs­mo­da­li­täten und in konjunk­tu­rellen Schwan­kungen. Die Gewinn­aus­sichten im Handel waren jedoch viel besser als in der Produktion. Sichtbare Zeugen des Erfolgs sind etwa die Stein­pa­läste am Trogener Lands­ge­mein­de­platz. Der Fünfeck­palast oder der Zellwer­gersche Doppel­palast prägen noch heute den städtisch anmutenden Kern des Dorfes. Auch in Herisau, Speicher oder Walzen­hausen sind archi­tek­to­nische Zeugen des Erfolgs im Textil­handel erhalten. In Heiden hingegen, das nach dem Brand von 1838 in klassi­zis­ti­schem Stil neu aufgebaut wurde, fehlen auffällige Bauten, die auf die Textil­wirt­schaft verweisen. Hier waren es Kur- und Gasthäuser, die das Dorfbild prägten.

 

Kirche und Schule

Die Tradition, aus der Provinz des Appen­zel­ler­landes auszu­brechen und sich im Ausland zu bilden, um sich mit anderen Einflüssen und Ideen ausein­an­der­zu­setzen, formte sich in Händler­kreisen bereits im 17. Jahrhundert. Zunächst blieben solche Karrieren den «Thron­folgern», den männlichen Nachkommen der wirtschaft­lichen und politi­schen Eliten vorbe­halten. Ab der Mitte des 19. Jahrhun­derts weitete sich der Kreis der Kandi­daten zunehmend auf junge Männer aus der aufkom­menden Mittel­schicht aus, die Talent, diplo­ma­ti­sches Geschick und Loyalität zeigten. Die Heraus­for­derung bestand für die Wirtschafts­führer darin, die vielver­spre­chendsten Spröss­linge für diese Aufgaben zu finden und sie entspre­chend zu bilden. Eine zentrale Rolle in diesem Aus­leseprozess sollten die Schulen übernehmen.

Die Alpha­be­ti­sierung und die Veran­kerung einer Grund­bildung, die alle Schichten erreichen sollte, wurde 1874 in der Bundes­ver­fassung festge­schrieben. Der für alle Kinder obliga­to­rische, unent­gelt­liche und bekennt­nis­un­ab­hängige Unter­richt der Primar­schule wurde nach der Überwindung «ettlicher Wider­ständ» durch­ge­setzt. Auf diesem Weg spielte die protes­tan­tische Kirche eine ambiva­lente Rolle, einer­seits als Vorrei­terin, anderer­seits als Bremserin. So führte Genf unter dem Einfluss der Refor­mation bereits 1536 die Schul­pflicht ein. 1615 folgten Bern und 1637 Zürich, indem sie ihre Gemeinden beauf­tragten, Schulen zu errichten. Ausserhalb der Städte stellten sich jedoch einzelne Pfarrer gegen die Volks­bildung. Ihnen war die religiöse Erziehung des Volkes  wichtiger, und sie befürch­teten, die Popula­ri­sierung der Bildung könnte ihre Autorität in Frage stellen. Es lag an Bürger­initia­tiven, Schulen zu gründen und zu finan­zieren. Deshalb war in Ausser­rhoden das Bildungs­an­gebot zunächst spärlich und variierte von Rhode (Gemeinde) zu Rhode.

Auch Heidens Weg zur allge­meinen Schul­bildung war von manchen Ausein­an­der­set­zungen mit den Dorfpfarrern geprägt, wie Michael Rohner 1867 in seinem Buch über die Gemeinde  schreibt: «Wenigstens ist so viel gewiss, dass zur Zeit des ersten Kirchen­baues 1652 eine Schule, und zwar im Dorfbe­zirke, vorhanden war. Anno 1738 […] gelang es der untern Rhode Zelg, ungeachtet des heftigen Wider­standes des damaligen Pfarrers Schlang, eine eigene Schule zu errichten. Allein erst 1817 konnte, unter Mithilfe des Herrn Landes­sä­ckel­meisters Tobler, ein neues Gebäude an der Zelg aufge­führt werden. 1811 entstand die Schule in Bissau, für welche 1813 ein neues Schulhaus erbaut wurde. Im Jahre 1822 liess der oben genannte unermüd­liche Wohltäter in seiner elter­lichen Wohnung in Heiden eine höhere Lehran­stalt [das sogenannte Provi­sorat] als Freischule eröffnen und sorgte später für Forter­haltung durch ein Vermächtnis von 25 000 Gulden. 1833 wurde im Dorfe eine Oberschule [sogenannte Sekun­dar­schule] errichtet, welche die älteren und fähigeren Kinder des Dorfkreises, wie auch solche aus den übrigen Schulen der Gemeinde aufzu­nehmen und fortzu­bilden hatte.»

Johann Konrad Tobler (1757–1825), der sich organi­sa­to­risch und finan­ziell stark für die Ausbreitung des Bildungs­an­gebots in Heiden engagierte, liess in seinem Provi­sorat dem Pfarrer weitgehend freie Hand den Unter­richt zu gestalten und die Lehrer­schaft auszu­wählen und zu beauf­sich­tigen – sehr zum Leidwesen seiner Nachfolger, die sich eine grössere Unabhän­gigkeit von der Kanzel gewünscht hätten. Das war in der im Jahr zuvor gegrün­deten Kantons­schule Trogen nicht viel anders. Auch dort leitete Pfarrer Bänziger als einziger wissen­schaftlich Gebil­deter die Lehrer­schaft an. In den Statuten des Heidener Provi­sorats versi­chert Tobler die Gemein­de­oberen über den guten Zweck: «… daß darinn verständige, arbeitsame, genügsame und recht­liche Bauern, Handwerks­leute, Gemeinds-Vorgesetzte und taugliche Gemeind­schreiber gebildet werden, und nicht verbildete, hoffärtige, schein­süchtige und hochmüthige Leute.»

Die Bildungs­of­fensive der 1820er Jahre

Nach der Ära Napoleons war in Appenzell die Zeit offenbar reif für einen Wandel. Bildung war im Bürgertum hoch angeschrieben, und so entstanden in kurzer Zeit verschie­denste Verei­ni­gungen und Einrich­tungen, insbe­sondere Privat­schulen für die Sekun­dar- und Gymna­si­al­stufe: 1818 in Herisau (J. J. Fitzi), 1821 in Trogen (Zellweger; die heutige Kantons­schule) und 1822 das erwähnte Provi­sorat in Heiden.

Gleich­zeitig formierten sich zahlreiche Lesege­sell­schaften, in denen die Mitglieder Zeitungen und Bücher lesen und darüber debat­tieren konnten, so etwa die Sonnen­ge­sell­schaft in Speicher (1820) und die Freitags­ge­sell­schaft in Bühler (1822). In der Freihof­ge­sell­schaft in Heiden (1821) hatte jeden Donnerstag ein Mitglied einen Vortrag zu halten «über einen beleh­renden oder sonst inter­es­santen Stoff»

1823 entstand die Vater­län­dische Gesell­schaft, welche die Grundlage zur Kantons­bi­bliothek legte. Die Initi­anten dieser Insti­tu­tionen kamen aus dem dicht­ver­wo­benen sozialen Umfeld einiger politisch führender Familien: Zellweger, Tobler, Honnerlag, Zuber­bühler und Rüesch. Familie, Textil­handel und das Bekenntnis zur Philan­thropie verband die Gründer­väter. Sie erkannten die Bedürf­nisse der Zeit. Die Umstellung von weitest­gehend repeti­tiver Arbeit in der textilen Heimarbeit zu den varia­bleren Einsatz­feldern gewerb­licher Berufe setzte einen breiteren Horizont, flexi­blere Reaktionen auf Verän­de­rungen und kommu­ni­kative Fähig­keiten voraus. In diesem Umfeld entstand schliesslich auch die Idee zum Museum in Heiden, das jedoch erst einige Jahrzehnte später aus der Taufe gehoben wurde.

Blicken wir nochmals genauer auf das Provi­sorat in Heiden. Der Lehrplan schrieb wöchentlich 2 Stunden Religions- und Sitten­lehre, 6 Stunden Deutsche Sprache, 6–8 Stunden Franzö­sische Sprache, 8 Stunden Rechnen und Geometrie und 6 Stunden Geschichte und Erdbe­schreibung vor. Beson­deres Gewicht kam neben dem Rechnen dem Franzö­sisch und dem Geographie-Unterricht zu. Inter­essant ist Toblers Begründung:
«Obgleich die franzö­sische Sprache weder zur Entwicklung des Geistes wesentlich, noch sonst geeignet ist, zur Veredlung des Menschen mitzu­wirken, so muß sie dennoch, weil sie im Berufs­leben nothwendig ist und Demje­nigen nur Nutzen gewähren kann, der es sowohl im Sprechen als im schrift­lichen Gebrauch derselben zu einer solchen Fertigkeit gebracht hat, mit Eifer und hinläng­lichem Zeitaufwand gelehrt werden. Zur Uebung bemüht sich der Lehrer solchen Stoff zu wählen, der den Schülern irgend einen Neben­nutzen gewähren kann. […]  
Der Unter­richt in der Erdbe­schreibung muß ebenfalls dem geschicht­lichen Unter­richte voraus­gehen. Er soll gleich im Anfang des Kurses beginnen und darf im ganzen Laufe desselben nie ganz ausge­setzt werden. Es soll dabei nicht sowohl das Gedächtniß der Schüler durch Einprägung einer Menge Namen in Anspruch genommen, als vielmehr darauf hinge­ar­beitet werden, daß sie richtige Begriffe und Vorstel­lungen über alles Wesent­liche bekommen, was in dieses Fach einschlägt, damit ihr geistiger Gesichts­kreis erweitert, ihr Verstand erleuchtet und ihr Gemüth dadurch zur Verehrung und Anbetung der unergründ­lichen Weisheit des Schöpfers und Erhalters der Welt angeregt werde.»

Franzö­sisch und Erdkunde waren Fächer, die eher den Reisenden als dem weiter oben erwähnten Gemein­de­schreiber zugute kamen. Der Fokus der Anstalt lag also von Anfang an nicht nur auf «braven Bauern», sondern auf einer kaufmän­ni­schen Tätig­keit ausser Landes. Dies hat mit der spezi­fi­schen Strategie der Ostschweizer Textil­industrie zu tun. Durch das protek­tio­nis­tische  Umfeld im nachna­po­leo­ni­schen Europa waren die Absatz­mög­lich­keiten für Textilien aus der Schweiz massiv einge­schränkt. Für die Handels­ge­sell­schaften war dies eine grosse Heraus­for­derung. Mit realis­ti­schem Blick wurde festge­stellt, dass der schwei­ze­rische Binnen­markt zu klein – und der europäische zu reguliert – war, um genügende Mengen an textilen Erzeug­nissen aufzu­nehmen. Eine Lösung hätte nur in der Änderung des Angebotes liegen können – oder dann in der Suche nach neuen Absatz­märkten. Beide Optionen bedingten eine Früherfassung geeig­neter junger Männer. Mit Eignungs­ab­klä­rungen sollten mathe­ma­tische oder sprach­liche, künst­le­rische oder handwerk­liche Fähig­keiten erkannt werden, die dann gezielt gefördert und genutzt werden konnten. Die handwerk­lichen Berufe profi­tierten davon genauso wie die Handels­häuser. Anders als in Städten mit Univer­si­täten – St.Gallen hatte erst ab 1911 eine Hochschule – überwogen in der Ostschweiz bei diesen Selek­tionen die Inter­essen der Textil­in­dustrie, welche die Förderung und den Ausbau des Handels favori­sierte.

Der Aufstieg der Kaufmanns­lehre

Die Kaufmanns­lehre gewann im Textil­be­reich an Bedeutung. Zu den tradi­tio­nellen Aufgaben wie Kalku­lation, Buchführung, Lager­haltung oder Waren­kon­trolle kam neu das Führen von Verhand­lungen hinzu. Die dreijährige Lehre wurde oftmals mit der Auflage verbunden, anschliessend Auslands­erfahrungen in Eu­ropa und Übersee zu sammeln und damit andere Sprachen und geschäft­liche Gepflo­gen­heiten kennen­zu­lernen. Geschäfts­ab­schlüsse zu tätigen war ein Privileg, das früher meist den Mitgliedern der Besit­zer­fa­milien vorbe­halten war. Jetzt musste diese Verant­wortung vermehrt auf Stell­ver­treter vor Ort übertragen werden können. Die Unter­nehmen erteilten durch die Prokura ausge­wählten Mitar­beitern umfang­reiche geschäft­liche Vertre­tungs­macht.

«Nach dem Basler Bankier Jakob Sarasin sollte der angehende Kaufmann im 19. Jh. über eine gute Allge­mein­bildung und hervor­ra­gende Kennt­nisse der franzö­si­schen und italie­ni­schen Sprache verfügen. Voraus­ge­setzt wurden auch sehr gute Rechen­kennt­nisse und v.a. ein umfas­sendes buchhal­te­ri­sches Wissen. Latein­kennt­nisse waren zum Verständnis juris­ti­scher Formeln notwendig. In der Regel besuchte in Basel ein angehender Kaufmann das Gymnasium und verbrachte einige Semester an der Univer­sität, bevor er eine Bildungs­reise unternahm oder während eines Aufent­halts im Ausland seine sprach­lichen Fähig­keiten verbes­serte. Eine erste Bewährung erfolgte als Agent oder Commis in einer auslän­di­schen Nieder­lassung. Nach Rückkehr und Verhei­ratung konnte er dann ins Geschäft des Vaters oder Schwie­ger­vaters eintreten und allen­falls nach der Etablierung auch politische Ämter übernehmen..»

Kopieren und Expor­tieren

Der zuneh­mende Protek­tio­nismus anfangs des 19. Jahrhun­derts liess die Ostschweizer Textil­in­dustrie auf immer neue Märkte ausweichen. Jedes Jahrzehnt kam wieder ein neuer Kontinent dazu,  auf den sich die Produktion wegen guter Absatz­zahlen zeitweise fokus­sierte: Italien in den 1810/20er Jahren, Südamerika ab 1820, der Nahe Osten in den 1830er/40er Jahren, ab 1850 Südost­asien und später Japan, zuletzt Afrika seit den 1870er Jahren.

Hermann Wartmann beschreibt das Vertriebs­modell wie folgt: «Es lässt sich in aller Form eine neue Epoche unserer dichten Weberei von dem Zeitpunkte an datiren, wo einzelne unserer St.Gallischen Handels­häuser auf den Gedanken kamen, durch Toggen­bur­gische Fabri­canten die an den großen Fabri­ca­ti­ons­plätzen der Levante (Damascus, Aleppo, Bursa) für die einhei­mische Bevöl­kerung erzeugten, halbsei­denen Kleider­stoffe ganz in Baumwolle nachzu­ahmen. Sie haben damit jenes in seiner ersten Anwendung mit dem glänzendsten Erfolge belohnte, seither nie mehr verlassene, sondern über die ganze bewohnte Erde ausge­dehnte System einge­leitet: unsere einhei­mische bunte Fabri­cation durchaus den Bedürf­nissen und dem Geschmack, ja sogar den Launen aller fremden, nicht in abend­län­di­schen Formen lebenden Völker anzupassen und sich von ihnen Regel und Richt­schnur geben zu lassen. Dadurch wurde unsere Buntwe­berei in ganz anderer Weise, als bisher, export­fähig und begann sich überall Absatz­ge­biete zu erobern, wo immer nur halbwegs günstige Vorbe­din­gungen vorhanden waren.»

Junge Kaufleute für Übersee

Um dieses System aufrecht­zu­er­halten, waren Marktinfor­-mation und ein Vertriebs­system vor Ort notwendig. Auf den Haupt­ab­satz­märkten konnte dies unter  Umständen noch durch jüngere Famili­en­mit­glieder gewähr­leistet werden. Doch der Perso­nal­bedarf der Textil­in­dustrie war gross und die Märkte sehr verstreut. So war es nicht untypisch, sondern kam geradezu in Mode, dass junge Kaufmänner aus der Ostschweiz in alle Welt zogen, nach Rio de Janeiro, Valpa­raiso, Mexiko Stadt, Aleppo, Alexandria, Manila und Batavia (heute Jakarta). Die Handels­ge­sell­schaften unter­stützten diese Entwicklung aktiv und förderten intel­li­gente, belastbare, durch­set­zungs­starke und loyale Männer. Für die Handels­häuser waren gut ausge­bildete Angestellte die Grundlage für ihre weitere Expansion. Dies konnte in bestehenden oder in zukunfts­träch­tigen neuen Geschäfts­feldern erfolgen.

Wie sich ein Aufbruch zu einem neuen Markt abspielen kann, beschreibt das Appen­zeller Monats­blatt von 1847. Nachdem Gross­bri­tannien China im Ersten Opium­krieg besiegt und die Markt­öffnung erzwungen hatte, traf das Kaufmän­nische Direk­torium St.Gallen Abklä­rungen, ob es nicht möglich sei, direkte Handels­be­zie­hungen mit China zu errichten. Dazu kontak­tierte es Inter­es­senten in Ausser­rhoden, Zürich und Glarus. Gesucht waren «zwei zuver­lässige, des Handels und soviel möglich der schwei­ze­ri­schen Fabri­cation kundige Männer, denen alle erfor­der­lichen Instruk­tionen, Empfeh­lungs­schreiben, Credit­briefe, so wie eine möglichst vollständige Muster­sammlung aller Gattungen von Seiden‑, Baumwollen- und Leinen-Waaren, welche in den Cantonen Zürich, Appenzell und St.Gallen fabricirt werden, mitge­geben werden sollen.»
Das Projekt schei­terte an der Uneinigkeit über den Vertei­lungs­schlüssel der Kosten. Doch das Handelshaus Tobler in Speicher  wartete nicht lange und schickte auf eigene Kosten einen jungen Appen­zeller in Richtung Osten: «Sobald die Siege der Engländer das himmlische Reich dem Handel der Europäer zu öffnen angefangen hatten, richteten auch unsere Handels­leute und Gewerbs­männer ihr Augenmerk nach diesem Lande, um einen Markt für unsere Erzeug­nisse daselbst zu suchen. Sie wählten eine Commission, die dem Gegen­stand ihre Aufmerk­samkeit zuwendet, und deren Ergeb­nisse wir unsern Lesern zu berichten hoffen. Das Handelshaus Gebrüder Tobler u. Comp. in Speicher legte unver­züglich Hand an’s Werk und sandte im Herbst­monat 1843 einen Reisenden nach China, dem seither ein anderer nachge­folgt ist. Der erste Reisende war Herr Leonhard Eugster von Speicher, geb. 1821, 31. Weinmonat, ein Jüngling, der sich von Jugend auf durch gute Anlagen auszeichnete und dabei das Glück hatte, daß sein Vater sich seine Bildung sehr angelegen sein ließ, ihn der Cantons­schule anver­traute u. s. w.»9
Leonhard Eugster (1821–1868) stellte fest, dass auf dem chine­si­schen Markt vor allem simple und grobe Baumwoll­stoffe nachge­fragt wurden, welche die Schweizer Industrie der starken briti­schen Konkurrenz überlassen musste. In Manila auf den Philip­pinen hingegen waren feine, bunte und gemus­terte Stoffe im Schwang, weshalb Eugster für Tobler & Co dort eine Filiale eröffnete.

Ausser­rhoder in Südost­asien

Eugster war nicht der einzige Schweizer, der in diesen Jahren in Richtung Asien aufbrach. Im Glarnerland hatte sich unter  Führung des Hauses P. Blumer & Jenny die India-Gesellschaft gebildet, welche den jungen Conrad Blumer (1817–1882) bereits 1840/41 für Markt­ab­klä­rungen nach Indien, Singapur, Indonesien und den Philip­pinen schickte. Mit Johann Jakob Kelly (1793–1865) reiste 1843/44 selbst ein gestan­dener Fabrikherr nach Indien. Er leitete die Rotfarb in Mettendorf (SG). Kelly war erstaunt, in Bombay Bernhard Rieter, Associé von Greuter & Rieter in Islikon (TG), anzutreffen.

Die Hochjahre der Ostschweizer Exporte nach Südost­asien war die Zeit von 1850 bis 1900. Hier finden wir zahlreiche Appen­zeller in zum Teil wichtigen Positionen in den fernen westlichen Handels­häusern. In Singapur war Conrad Sturzen­egger Partner des Hauses Rautenberg, Schmidt & Co., Johannes Niederer aus Trogen gründete das Handelshaus Niederer & Co in Batavia (Niederländisch-Indien). Dieses wurde nach seinem Tod von seinem Bruder Johann Ulrich Niederer-Rumpus und danach von Johannes Altheer aus Speicher geleitet. Ebenfalls in Batavia wirkte Conrad Sonder­egger als Partner des Hauses Moormann & Co. Anfangs konzen­trierten sich die Ostschweizer Kaufleute auf die Zentren Manila, Batavia und Singapur. Ab 1880 zeichnet sich eine feinere Verteilung ab. Bernhard Emil Mohn arbeitete bei Jucker, Sigg & Co in Bangkok. Heinrich Schiess aus Herisau machte eine Karriere vom Assis­tenten bis zum Partner beim Handelshaus van Houten, Steffan & Co in Padang an der Westküste Sumatras. Johannes Hug, ebenfalls aus Herisau, gründete Hug & Co in Penang (Malaysia).

Eine Partner­schaft in einem Handelshaus bedeutete oft ausge­sprochen hohe Einkünfte und soziales Prestige. Einige dieser Kaufleute übernahmen nach ihrer Rückkehr in die Heimat wichtige Positionen in Wirtschaft oder Politik. Oder sie betätigten sich philan­thro­pisch oder als Sammler. Die Stifter der ethno­gra­fi­schen Objekte im Museum Heiden sind solche Kaufleute (siehe Kapitel 4).  

Doch nicht alle hatten Glück. Otto Alder aus Speicher, später eine wichtige Figur in der Sticke­rei­in­dustrie, arbeitete einige Jahre in Singapur. Sein Handelshaus ging aber Konkurs, worauf er zurück­kehren musste. Hermann Küng aus Gais gab 1871 seine Assis­ten­ten­stelle in Singapur auf, um in Sumatra Tabak zu pflanzen, kam dort jedoch gewaltsam zu Tode. Arnold Jakob aus Trogen soll nach sechs Jahren als Kaufmann in Batavia dem Wahnsinn verfallen sein und musste in die Schweiz zurück­kehren. Der 21-jährige August Zellweger aus Trogen starb schon ein Jahr nach seiner Ankunft an Auszehrung, wie es damals hiess. Und schliesslich war da noch Johannes Zuber­bühler aus Herisau, der nach seiner Assis­ten­tenzeit in Singapur in Saigon eine Ölmühle übernahm, dort dem Alkohol verfiel und nach Hause geschickt werden musste, wo er jung starb.

 

Karriere und Abenteuer

Die grosse Anzahl junger Männer aus dem Kanton Appenzell Ausser­rhoden, die sich auf das Abenteuer in den Kolonien einliessen, überrascht. Die Motiva­tionen, als junger Mann in die Welt zu ziehen, waren vielfältig. Der Auslands­auf­enthalt war ein Paradeweg für den sozialen Aufstieg der jungen Kaufleute. Zusätzlich bot er auch den Reiz des Exoti­schen, wie es Otto Alder trefflich formu­lierte, nachdem sein Cousin aus Hemberg ein Engagement bei einem Handelshaus in Surabaya erhalten hatte: «Wie beneidete ich diesen Glückspilz! Hinaus in die Tropen durfte er, unter Palmen wandeln in jenem Lande der wunder­vollsten Vegetation der Erde, auf Java!»

Eine Rolle werden auch erotische Verheis­sungen gespielt haben, welche unter den jungen Männern die Runde machten. Denn in Niederländisch-Indien gingen unver­hei­ratete Europäer oft Bezie­hungen auf Zeit mit ihren Haushäl­te­rinnen ein.

Inter­essant ist der Vergleich mit Appenzell Inner­rhoden: Dessen Einwohner wanderten äusserst selten aus – und wenn, dann nach Möglichkeit nicht allzu weit. Die Bindung an Familie und Heimat schien stärker zu sein. Zudem hatten sie schlech­teren Zugang zu den Netzwerken der Textil­kauf­leute in Ausser­rhoden und St.Gallen, welche fest in protes­tan­ti­schen Händen waren.


Selbst­rea­li­sierung als Auftrag

Die Unter­stützung im mutigen Aufbruch der meisten Asien­gänger ist im familiären Umfeld zu finden. Das Bildungs­bür­gertum, das tradi­tionell auch politische Führungs- und Lenkungs­auf­gaben in Gemeinde und Kanton mittrug, entwi­ckelte dank höherer Bildung ein neues  Rollen­ver­ständnis. «Werde, der du bist!» Es bildete sich eine Haltung heraus, die mit Eigen­ver­ant­wortung und Selbstän­digkeit zur eigenen Weiter­ent­wicklung verpflichtete. Auf den Verän­de­rungs­druck wurde mit Verän­de­rungs­be­reit­schaft reagiert. Die Gemein­sam­keiten im familiären Umfeld von Conrad Sonder­egger, Hermann und Johann Küng und Traugott Zimmermann scheinen das Muster zu bestä­tigen. Die Generation der Eltern entstammte dem aufstre­benden Bildungs­bür­gertum. Sie übten soziale oder pädago­gische Berufe (Mediziner, Lehrer) aus. Diese Generation hat Bildung als Chance und Privileg erkannt, vermittelt und vorgelebt.

Während die erfolg­reichen Exponenten im Ge­dächtnis bleiben, geraten die weniger Erfolg­reichen schnell in Verges­senheit. Endeten die Geschäfte in Übersee nicht in spekta­ku­lären Konkursen, gewalt­tä­tigen Ausein­an­der­set­zungen oder gericht­lichen Nachspielen, sind in amtlichen Archiven kaum Dokumente zu finden. Damit sind die Erfolg­reichen im kollek­tiven Gedächtnis überre­prä­sen­tiert und scheinen die ganze Bewegung abzubilden. Der Schein trügt.