Webfassung der aktuellen Sonderausstellung

 

Im Museum Heiden befindet sich eine ethnografische Sammlung mit Objekten aus «Niederländisch-Indien» (heute Indonesien). Sie stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Es handelt sich um Waffen, Flechtwerk, Kleidung und Schmuck.

Wie kamen diese Objekte nach Heiden? Wir haben recherchiert und die Geschichten hinter den Objekten rekonstruiert: Provenienzforschung!

 

Das Resultat: Vier Biografien von Ostschweizer «Indien-Gängern», die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Südostasien lebten (hauptsächlich auf Java und Sumatra). Ihre unterschiedlichen Lebenswege stehen als Beispiele für globales Unternehmertum von Schweizern in den damaligen kolonialen Strukturen.

Museum-Heiden_39.jpg
Museum-Heiden_alle_40.jpg
Museum-Heiden_37.jpg
Museum-Heiden_38.jpg

Teil 1

Ausserrhoder in Südostasien – Biografien

Johann Conrad Sonderegger
1834-1885
Der erste Schweizer Konsul in Batavia (Java).

 
Museum-Heiden_39.jpg

Johann Conrad Sonderegger wurde am 4. Juni 1834 in Wald AR geboren und wuchs in Trogen auf, wo sein Vater Gemeindehauptmann war. Er besuchte die Kantonsschule in St.Gallen und trat danach eine Kaufmannslehre bei Salomon Zellweger in Trogen an.

Zellweger besass eine Textilhandelsfirma in Amsterdam, wo Conrad Sonderegger nach der Lehre seine ersten Auslanderfahrungen machte und Holländisch lernte. Dies eröffnete ihm den Zugang zu Südostasien, damals Niederländisch-Indien, holländische Kolonie.
1855, mit 21 Jahren, reiste er nach Batavia, wo er als Assistent beim deutschen Handelshaus Eduard Moormann & Co. einstieg. Sechs Jahre später wurde er Gerant und war zuständig für Import, Logistik und Versicherungen. Als Importeur von Ostschweizer Textilien liess er eigens für den Markt produzieren. Vor allem Batik-Imitationen fanden zeitweilig einen guten Absatz. Als Versicherung band er die St.Galler «Helvetia» ein, eine der ältesten Transportversicherungen der Welt.

Die Beförderung zum Manager öffnete Sonderegger viele Türen, sowohl in Batavia wie auch in der Schweiz. Als die niederländische Regierung 1860 anderen Staaten die Errichtung von Konsulaten gestattete, konnte die Regierung von Appenzell AR mit Hilfe aus St.Gallen die Wahl von Conrad Sonderegger durchsetzen. Dieser wurde erster Schweizer Konsul von Batavia und amtete von 1863-1871.

Die ehrenamtliche Tätigkeit als Konsul brachte zwar Prestige, war aber auch belastend. Sonderegger verbrachte seine Zeit mit dem Abfassen von Handelsberichten, dem Ausstellen von Pässen oder von Totenscheinen für Schweizer Söldner, von denen es in Niederländisch-Indien viele gab. Anderseits konnte Sonderegger auch die Möglichkeiten seines weiten Beziehungsnetzes nutzen und beteiligte sich als Financier an profitablen Kaffee- und Zuckerplantagen. Als Unternehmer reiste er viel, in der Region zwischen seinen Partnerfirmen in Semarang und Surabaya, aber auch mehrmals nach Europa. Auf seiner vierten Heimreise 1885 musste er sich in Amsterdam einer Operation unterziehen, die er nicht überlebte.

Conrad Sonderegger scheint ein zurückhaltender Einzelgänger gewesen zu sein. Er hatte nie geheiratet, ein Umstand, der seinem Sozialleben in der Kolonie nicht besonders förderlich war, denn es waren die Ehefrauen, die für den sozialen Kontakt zuständig waren.

Hermann Küng-Ganno
1842-1871
Tabak-Plantagenpionier auf der «Sæntis Estate».

 
Museum-Heiden_alle_40.jpg

Hermann Küng kam 1842 in Heiden in einer bildungsbürgerlichen Familie zur Welt. Die Mutter Charlotte Wilhelmine, Tochter des bekannten Pädagogen Hermann Krüsi, hatte den verwitweten Dorfarzt Johannes Konrad Küng geheiratet; gemeinsam zogen sie elf Kinder gross.

Hermann profitierte vom grossen Beziehungsnetz seiner Eltern und konnte ab 1860 eine Lehre als Textilkaufmann bei Friedrich Imhoof in Winterthur machen. Imhoof war ein grosser Ostschweizer Textilhändler, der im Handel mit Südostasien aktiv war. Auch Hermann Küng trat nach seiner Lehre eine Stelle in Singapur an, bei Remé, Levesohn & Co., einem Partnerunternehmen Imhoofs (ab 1864).

Nach anfänglichem Erfolg als Prokurist verscherzte sich Hermann Küng die Sympathien der europäischen Gemeinschaft in Singapur, indem er 1869 eine «Einheimische» heiratete: Mary Ganno, Tochter eines amerikanischen Vaters und einer molukkischen Mutter. Er musste seine Karriere in Singapur abbrechen.

Neue Chancen boten sich Hermann Küng im nahen Sumatra, wo die Niederländer als Kolonialmacht gerade den Tabakanbau forcierten. Im Gebiet Percut erhielt Küng vom Sultan ein Stück Land von rund 1`400 Hektaren in Pacht. Die Pionierjahre in der Tabakkultur waren allerdings von grossen Schwierigkeiten geprägt. Es gab auf Sumatra kaum staatliche (koloniale) Strukturen, und die Europäer mussten ihre Autorität gegen eine Überzahl von «Kontraktarbeitern» behaupten, die ihnen nicht freundlich gesonnen waren. Zudem hatten diese «Pflanzer» kaum Kenntnisse vom Tabakanbau und mussten sich alles von der lokalen Bevölkerung und erfahrenen Tabakbauern zeigen lassen.

Im August 1871 zog Hermann Küng mit seinem Schweizer Assistenten Theo Meyer, einem chinesischen Koch und 25 Kulis auf seine Plantage, die er in einem Anflug von Heimweh «Sæntis Estate» getauft hatte.
Seine Frau Mary und sein Sohn Johann Kaspar waren vorerst in Singapur geblieben. Nach Erbauung eines ersten Wohnhauses zogen Küng und Meyer dort mit ihren Kulis ein – eine fatale Entscheidung. Ein zweiter Fehler: Küng hatte darauf verzichtet, einen «Tandil» einzustellen, einen Vorarbeiter, der die Arbeiter in Schach hielt. Am 8. Oktober 1871 wurden Küng und Meyer von ihren Kulis ermordet. Es war ein profaner Raubmord: Es waren Dollarmünzen im Spiel.
Hermann Küng und Theo Meyer wurden später in Labuan (Java) unter Teilnahme der europäischen Gemeinschaft sowie des Sultans feierlich begraben.

Museum-Heiden_45l.jpg
Museum-Heiden_46.jpg

Johannes Küng-Mösli
1836-1908
Ein Gemeinderat aus Heiden wird Tabakpflanzer in Sumatra.

 
Museum-Heiden_37.jpg

Johannes war der älteste Sohn aus der zweiten Ehe des Vaters Johannes Konrad mit Charlotte Wilhelmine Krüsi. Seine Lehr- und Wanderjahre kennen wir nur bruchstückhaft. Verbürgt ist eine Lehre als Zimmermann in Winterthur sowie seine Assistenz bei seinem Vater, der als Wundarzt und Geburtshelfer in Heiden tätig war. Dazwischen scheint er ausgiebig auf Wanderschaft gewesen zu sein. 1865 heiratete er in Heiden Emma Mösli. Johannes und Emma führten gemeinsam die Pension «Paradiesli», die sich im aufkommenden Kurwesen in Heiden prächtig entwickelte. Das Paar hatte drei Töchter. Johannes wurde Gemeinderat. Ein bürgerliches Leben bahnte sich an.

Doch dann schrieb ihm sein Bruder Hermann über die aussichtsreiche Tätigkeit als Tabakpflanzer auf Sumatra, worauf ihn das Fernweh packte. Er beschloss, mit seiner Familie nach Asien zu reisen, um mit seinem Bruder die Plantage zu führen. Und dann kam die Nachricht vom Tod des Bruders Hermann, was die Pläne durcheinanderbrachte. Zur Klärung der Besitzverhältnisse reiste Johannes Küng 1871 nach Sumatra und brachte die Plantage seines Bruders unter seine Obhut. Mit der Zeit gedieh die Plantage so gut, dass Küng seine Frau nachrief. Die Kinder blieben in der Heimat bei Verwandten.

Doch die Lage in Sumatra war alles andere als sicher. Es drohten tropische Krankheiten, und auch die Sicherheit an Leib und Leben war nicht gewährleistet. Es gab Raubzüge von Banden und ethnische Konflikte, der Alltag auf den Plantagen war von Gewalt und Angst geprägt. Das Leben in Deli bestand aus Arbeit vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Für die Europäer gab es wenig Unterhaltung. Einige verlegten sich auf die Jagd, andere erlagen dem Tropenkoller und ersäuften diesen in Alkohol.

1881 konnte Küng die Leitung der Plantage seinem Stellvertreter überlassen und mit seiner Frau und den in Sumatra geborenen Kindern erstmals zurück in die Schweiz fahren. Emma Küng blieb von da an in Heiden bei den Kindern. Johannes Küng ging wieder nach Sumatra und kümmerte sich um die Plantage, die er 1886 wegen Kapitalmangels verkaufen musste. Als Teilhaber blieb er aber bis 1896 im Geschäft. Dann zog er sich endgültig nach Heiden zurück, wo er die Pension «Paradies» umbaute und sich mit Botanik und Bienenzucht beschäftigte. Er starb 1908 als unauffälliger Pensionär in Heiden.

Johann Traugott Zimmermann-Sonderegger
1854-1918
Goldrausch in Indonesien

 
Museum-Heiden_38.jpg

Johann Traugott Zimmermann kam 1854 in Bischofszell zur Welt und verbrachte seine Jugend in Speicher, wo sein Vater Sekundarlehrer war. Er besuchte die Kantonsschule in Trogen und absolvierte dann eine kaufmännische Lehre in St.Gallen.

1873, erst 19jährig, zog er nach Batavia, wo er eine Anstellung beim Handelshaus Niederer & Co. antrat, das mit Ostschweizer Textilien schon früh in Java Fuss gefasst hatte. Einige Jahre später wechselte er zum deutschen Handelshaus Engelhard & Co. und leitete das Haus in Batavia ab 1885. 1891 wurde Engelhard liquidiert. Zimmermann übernahm die Konkursmasse und gründete mit Hilfe deutscher Kapitalgeber seine eigene Firma: Zimmermann & Co., Import- und Kommissionshandel.

Schon bald verlegte sich der umtriebige Zimmermann auf einen neuen Geschäftszweig: die Finanzierung und das Management von Minengesellschaften. Dabei ging es fast ausschliesslich um Goldminen; in Niederländisch-Indien herrschte ein eigentlicher Goldrausch. Zimmermann engagierte sich im Handel mit Konzessionen und beteiligte sich an verschiedenen Bergbaugesellschaften, oft zusammen mit seinem Partner Landberg, mit dem zusammen er ein gutes Dutzend Firmen gründete. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere besass er ein Handelshaus unter eigenem Namen, fungierte als Direktor einiger Minengesellschaften und war gerade auch noch zum Schweizer Konsul befördert worden (1897-99).

Doch schon bald kamen die ersten Probleme. Die Erträge der Minen erfüllten die Erwartungen nicht. Die Investoren wurden unzufrieden und wandten sich von Zimmermann ab. In der Geschäftswelt Batavias war er angeschlagen. Zwei Jahre später beschloss er auf einem Heimurlaub, nicht mehr nach Batavia zurückzukehren.

Interessant sind Zimmermanns persönliche Verhältnisse. 1880 hatte er die 20 Jahre ältere ‹Inländerin› Wilhelmina Magdalena Zadrac von Menado auf Nordsulawesi geheiratet. Sie war Witwe und zuvor mit einem niederländischen Kapitän verheiratet gewesen. Magdalena wird (in Zeitzeugnissen) als imponierende Persönlichkeit beschrieben. Sie soll Kenntnisse als Naturheilerin gehabt haben und eine hervorragende Gastgeberin gewesen sein. Sie starb 1894 mit 59 Jahren.
1896 heiratete Zimmermann in Heiden ein zweites Mal: Anna Katharina Sonderegger. Gemeinsam reisten sie nach Java, aber Anna Katharina wurde dort nicht glücklich und reiste nach vier Jahren wieder zurück. Auch Traugott Zimmermann zog sich um 1908 endgültig nach Heiden zurück, wo er sich vor allem noch der Philatelie widmete.

Museum-Heiden_Buch_Mock_Up.jpg

Das Buch wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Gemeinde Heiden, der Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden, der Steinegg Stiftung, der Dr. Fred Styger Stiftung für Kultur, Bildung und Wissenschaft sowie der Bertold-Suhner-Stiftung.

Ferne Welten – fremde Schätze

Ethnografische Objekte 

und frühe Fotografien 

aus Niederländisch-Indien 

im Museum Heiden

 

Hardcover, 188 Seiten, 24.0 x 30.5 cm

ISBN 978-3-907262-03-0

Verlag: edition clandestin

www.edition-clandestin.ch

Autoren:

Andreas Zangger, Dr. phil., freischaffender Historiker.

Ralph Harb, Gestalter und Kurator

Andreas Isler, Dr. phil., Kurator am Völkerkundemuseum der Universität Zürich. 

Hans Bjarne Thomsen, Professor und Lehrstuhlinhaber, Abteilung Ostasiatische Kunstgeschichte, Universität Zürich.

Paolo Maiullari, Kurator und Verantwortlicher der Forschungsabteilung des Museo delle Culture, Lugano. 

Angelika Widrig, Bachelor in Ethnologie an der Universität Zürich.

Patrick Thür, lic. phil., Ethnologe und Künstler.

Wendelin Kugler, lic. phil., Ethnologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Historisches Museum Thurgau.

 

Das Buch vereinigt drei verschiedene Anliegen. 

Zum einen ist es eine historische Studie, die ein Bild der kolonialen Verhältnisse in Südostasien und der Verflechtungen mit der Schweiz entwirft. Vor diesem Hintergrund stehen vier ausführliche Biografien von Ausserrhoder Persönlichkeiten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Indonesien koloniale Karriere machten – mehr und weniger erfolgreich.

Zum zweiten ist es ein Fotoband. Im Nachlass von Traugott Zimmermann befand sich eine ansehnliche Fotosammlung. Die Bilder geben Einblick in die koloniale Welt der Protagonisten (Schweizer in Indonesien) wie auch in Lebenswelten der Einheimischen.  

Das Buch ist auch ein Sammlungskatalog. Die «Indonesien-Sammlung» im Museum Heiden ist ein kleiner, aber feiner Bestand von ethnografischen Objekten aus dem ehemaligen «Niederländisch-Indien». Der ausführlich kommentierte Katalog bildet den dritten Teil des Buchs.

museum-heiden_Saiten_Andreas _Zangger.pn
Museum_Heiden_004.jpg
Museum-Heiden_022.jpg
Museum-Heiden_008.jpg
Museum-Heiden_009psd.jpg

Teil 2

Buchauszug aus Ferne Welten – fremde Schätze

Text: Andreas Zangger und Ralph Harb

Emanzipation und Aufstieg des

Auserrhoder Bürgertums

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war für Heiden und das Appenzeller Vorderland eine goldene Zeit. Kur- und Gesundheitstourismus, aber auch die erfolgreiche Vermarktung von
lokal her­gestellten und veredelten Textilien sorgten für gutes Auskommen und Selbstbewusstsein im Bürgertum. Vor diesem Hintergrund folgten einige Mutige auch dem Drang, die engen
räumlichen Grenzen zu sprengen und an der Erweiterung der Welt zu partizipieren.
Zeugen dieses Aufbruchs aus der Enge sind die ethnografischen Objekte, die bereits zu Beginn des 20. Jahr­hunderts als Schenkungen ins Museum Heiden gelangten. Diese bieten Anlass, sich mit den Personen zu befassen, die dahinter stehen, und eröffnen einen Blick in ein Stück (schweize­rischer) kolonialer Vergangenheit.

Museum-Heiden_023.jpg
Museum-Heiden_024.jpg
Museum-Heiden_007.jpg
Museum-Heiden_025.jpg

Ein Prunkschild der Dayak auf Borneo, verzierte Dolche und Gürtelschnallen aus Java, ein Modell eines Batakhauses aus Sumatra: Solche Gegenstände würde man nicht in einem Dorfmuseum im Appenzeller Vorderland vermuten. Und doch wartet das Historische Museum des beschaulichen Dorfes Heiden mit einer ansehnlichen ethnografischen Sammlung auf. Die Objekte gelangten nach 1900 an das Museum und ergänzten das bereits bestehende Naturalienkabinett um ein exotisches Highlight, das dem damals international bekannten Kurort gut anstand. Neben einer Prise Exotik sollten die Ethnografika den Besuchern Einblicke in Natur und Kultur des Menschen vermitteln. Doch eigentlich verweist die Sammlung auch auf ein Stück Geschichte des Appenzellerlands. Durch die Textilindustrie war der Kanton schon länger mit Südostasien verbunden. Es waren Appenzeller Textilkaufleute, die dem Museum Heiden die zoologischen und ethnografischen Objekte aus Indonesien vermachten. Die Sammlungsstücke sind Ausdruck und Beleg der weitreichenden Netzwerke der Appenzeller und Ostschweizer Textilindustrie.
Blicken wir also zunächst auf das soziale Umfeld, in dem das Museum Heiden und die Schenkungen aus dem fernen Asien möglich wurden. Drei Faktoren waren dafür bedeutsam: erstens ein gewisser Wohlstand, der ein Bedürfnis nach Selbstrepräsentation weckte, zweitens ein Interesse an Bildung und drittens die erwähnten globalen Netzwerke der Industriellen.

Museum_Heiden_003jpg.jpg
Museum_Heiden_004.jpg
Museum_Heiden_005.jpg
Museum_Heiden_006.jpg

Die Textil­industrie im Kanton Appen­zell Ausserrhoden

Die Entwicklung der Ost­­­schweizer Kantone zwi­schen 1800 und 1900 zeugt in der Gesamtschau von einem selbstbewussten und energischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruch. Appenzell Ausserrhoden mit seiner voralpinen Lage schien eher für eine landwirtschaftliche Nutzung prädestiniert, doch waren die bebaubaren Flächen knapp. Zudem schränkten die Höhenlage und die langen Winter die Anbauoptionen ein. Deshalb wurde auf den verstreuten Gehöften schon früh auf ein zweites Standbein gesetzt: die Produktion und Veredlung von Stoffen.  Die Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung im Kanton war damit beschäftigt. Im Webkeller sassen oft alle Familienmitglieder, von den zahlreichen Kindern bis zu den Greisen, von Sonnenaufgang bis in die späten Nachtstunden an den Webstühlen. Bei vielen Familien überwog das Einkommen aus der Textilproduktion dasjenige aus der Landwirtschaft. So sahen sich die Heimarbeiter eher als Weber mit etwas Vieh im Stall denn als Landwirte mit einem Webstuhl. Die Heimweber verstanden sich als Selbständigerwerbende und nicht als  Industrieproletariat. Das lag am sogenannten «Verlagssystem», das den Heimarbeitern ein bisschen Selbständigkeit, aber auch ein hohes Risiko übertrug. Sie waren den Kaufleuten und Ferggern – den «Verlegern» – ebenso ausgeliefert wie andernorts die Fabrikarbeiter den Fabrikherren. Die Textilindustrie war immer schon schnelllebig und von hohem Termin- und Preisdruck gekennzeichnet.

Museum-Heiden_034.jpg
Museum-Heiden_015.jpg
Museum-Heiden_27.jpg
Museum-Heiden_26.jpg

Appenzeller Kaufmanns­dynastien

Anfangs traten St.Galler Kaufleute als Auftraggeber auf, doch mit der Zeit konnte Ausserrhoden auch eigene Produktions- und Vertriebsstrukturen aufbauen. Im Gegensatz zu den Städten mit ihren Zunftordnungen, die genau umschrieben, welche Arbeiten ein Mitglied ausführen durfte und welche nicht, genossen ländliche Regionen wie Ausserrhoden mehr Freiheiten in solchen Fragen. Diese Freiheit war die Grundlage für die wirtschaftliche Emanzipation der Appenzeller Kaufleute insbesondere vom monopolistischen Handelsplatz St.Gallen. Prototypisch war die Familie Zellweger aus Trogen. Sie gilt heute noch als Vorbild für Risikobereitschaft und für den Einsatz für das Gemeinwohl: «Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit einer nahezu vollständigen Gewerbe-, Handels- und Abgabenfreiheit machten Appenzell Ausserrhoden sozusagen zum «El Dorado» für unkonventionelle Fabrikanten und risikobereite Geschäftsleute. Im Vergleich zu den übrigen Schweizer Landkantonen war Appenzell Ausserrhoden deshalb sehr früh und dicht industrialisiert. Bereits im 17. Jahrhundert wirkten Schweizer Kaufleute am französischen Handelsplatz Lyon erfolgreich mit. Unter ihnen waren die St.Galler und die Appenzeller führend. Beiden wurden dieselben Privilegien, nämlich Zoll- und Steuerfreiheit eingeräumt. Damit wurde ein spezi­fischer schweizerischer Unternehmertypus geschaffen: der global ausgerichtete, exportorientierte Händler und Fabrikant, der sich auf Nischen- und Qualitätsprodukte konzentrierte. Es gehörte für die familiengeführten Handelshäuser bald zur Tradition, dass sich die Nachkommen im Ausland weiterbildeten. Es war eine ideale Möglichkeit, sich vom in der Fremde Vorgefundenen inspirieren zu lassen. Die zukünftigen Entscheidungsträger bauten dabei ein möglichst tragfähiges Beziehungsnetz im Ausland auf und engagierten sich aufgrund der ausgeprägten Kommunal- und Miliztradition in der Heimat auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Ein erfolgreicher Vertreter dieses Unternehmertypus war die Familie Zellweger aus Trogen, die über mehrere Generationen zu den grossen Schweizer Kaufmannsfamilien gehörte. Sie bestimmte die politischen und wirtschaftlichen Geschicke der Ostschweiz und der Eidgenossenschaft in massgeblicher Weise mit. Sie verfügte über eigene Filialen an den wichtigsten Handelsplätzen Europas. Dies schaffte die Möglichkeit, frühzeitig Trends und neue Erfindungen zu erkennen und zu nutzen. Das Handelshaus Zellweger pflegte mit führenden Persönlichkeiten in der Schweiz, in Europa und in Übersee enge politische, wirtschaftliche und geistige Kontakte.»
Die Kaufleute im Fernhandel gingen oft hohe Risiken ein. Unsicherheiten bestanden im Transport, in den Zahlungsmodalitäten und in konjunkturellen Schwankungen. Die Gewinnaussichten im Handel waren jedoch viel besser als in der Produktion. Sichtbare Zeugen des Erfolgs sind etwa die Steinpaläste am Trogener Landsgemeindeplatz. Der Fünfeckpalast oder der Zellwergersche Doppelpalast prägen noch heute den städtisch anmutenden Kern des Dorfes. Auch in Herisau, Speicher oder Walzenhausen sind architektonische Zeugen des Erfolgs im Textilhandel erhalten. In Heiden hingegen, das nach dem Brand von 1838 in klassizistischem Stil neu aufgebaut wurde, fehlen auffällige Bauten, die auf die Textilwirtschaft verweisen. Hier waren es Kur- und Gasthäuser, die das Dorfbild prägten.

Museum-Heiden012.jpg
Museum-Heiden_016.jpg
Museum-Heiden_028.jpg
Museum-Heiden_29.jpg

Kirche und Schule

Die Tradition, aus der Provinz des Appenzellerlandes auszubrechen und sich im Ausland zu bilden, um sich mit anderen Einflüssen und Ideen auseinanderzusetzen, formte sich in Händlerkreisen bereits im 17. Jahrhundert. Zunächst blieben solche Karrieren den «Thronfolgern», den männlichen Nachkommen der wirtschaftlichen und politischen Eliten vorbehalten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitete sich der Kreis der Kandidaten zunehmend auf junge Männer aus der aufkommenden Mittelschicht aus, die Talent, diplomatisches Geschick und Loyalität zeigten. Die Herausforderung bestand für die Wirtschaftsführer darin, die vielversprechendsten Sprösslinge für diese Aufgaben zu finden und sie entsprechend zu bilden. Eine zentrale Rolle in diesem Aus­leseprozess sollten die Schulen übernehmen.
Die Alphabetisierung und die Verankerung einer Grundbildung, die alle Schichten erreichen sollte, wurde 1874 in der Bundesverfassung festgeschrieben. Der für alle Kinder obligatorische, unentgeltliche und bekenntnisunabhängige Unterricht der Primarschule wurde nach der Überwindung «ettlicher Widerständ» durchgesetzt. Auf diesem Weg spielte die protestantische Kirche eine ambivalente Rolle, einerseits als Vorreiterin, andererseits als Bremserin. So führte Genf unter dem Einfluss der Reformation bereits 1536 die Schulpflicht ein. 1615 folgten Bern und 1637 Zürich, indem sie ihre Gemeinden beauftragten, Schulen zu errichten. Ausserhalb der Städte stellten sich jedoch einzelne Pfarrer gegen die Volksbildung. Ihnen war die religiöse Erziehung des Volkes  wichtiger, und sie befürchteten, die Popularisierung der Bildung könnte ihre Autorität in Frage stellen. Es lag an Bürgerinitiativen, Schulen zu gründen und zu finanzieren. Deshalb war in Ausserrhoden das Bildungsangebot zunächst spärlich und variierte von Rhode (Gemeinde) zu Rhode.
Auch Heidens Weg zur allgemeinen Schulbildung war von manchen Auseinandersetzungen mit den Dorfpfarrern geprägt, wie Michael Rohner 1867 in seinem Buch über die Gemeinde  schreibt: «Wenigstens ist so viel gewiss, dass zur Zeit des ersten Kirchenbaues 1652 eine Schule, und zwar im Dorfbezirke, vorhanden war. Anno 1738 [...] gelang es der untern Rhode Zelg, ungeachtet des heftigen Widerstandes des damaligen Pfarrers Schlang, eine eigene Schule zu errichten. Allein erst 1817 konnte, unter Mithilfe des Herrn Landessäckelmeisters Tobler, ein neues Gebäude an der Zelg aufgeführt werden. 1811 entstand die Schule in Bissau, für welche 1813 ein neues Schulhaus erbaut wurde. Im Jahre 1822 liess der oben genannte unermüdliche Wohltäter in seiner elterlichen Wohnung in Heiden eine höhere Lehranstalt [das sogenannte Provisorat] als Freischule eröffnen und sorgte später für Forterhaltung durch ein Vermächtnis von 25 000 Gulden. 1833 wurde im Dorfe eine Oberschule [sogenannte Sekundarschule] errichtet, welche die älteren und fähigeren Kinder des Dorfkreises, wie auch solche aus den übrigen Schulen der Gemeinde aufzunehmen und fortzubilden hatte.»
Johann Konrad Tobler (1757–1825), der sich organisatorisch und finanziell stark für die Ausbreitung des Bildungsangebots in Heiden engagierte, liess in seinem Provisorat dem Pfarrer weitgehend freie Hand den Unterricht zu gestalten und die Lehrerschaft auszuwählen und zu beaufsichtigen – sehr zum Leidwesen seiner Nachfolger, die sich eine grössere Unabhängigkeit von der Kanzel gewünscht hätten. Das war in der im Jahr zuvor gegründeten Kantonsschule Trogen nicht viel anders. Auch dort leitete Pfarrer Bänziger als einziger wissenschaftlich Gebildeter die Lehrerschaft an. In den Statuten des Heidener Provisorats versichert Tobler die Gemeindeoberen über den guten Zweck: «... daß darinn verständige, arbeitsame, genügsame und rechtliche Bauern, Handwerksleute, Gemeinds-Vorgesetzte und taugliche Gemeindschreiber gebildet werden, und nicht verbildete, hoffärtige, scheinsüchtige und hochmüthige Leute.»

Die Bildungsoffensive der 1820er Jahre

Nach der Ära Napoleons war in Appenzell die Zeit offenbar reif für einen Wandel. Bildung war im Bürgertum hoch angeschrieben, und so entstanden in kurzer Zeit verschiedenste Vereinigungen und Einrichtungen, insbesondere Privatschulen für die Sekun­dar- und Gymnasialstufe: 1818 in Herisau (J. J. Fitzi), 1821 in Trogen (Zellweger; die heutige Kantonsschule) und 1822 das erwähnte Provisorat in Heiden.
Gleichzeitig formierten sich zahlreiche Lesegesellschaften, in denen die Mitglieder Zeitungen und Bücher lesen und darüber debattieren konnten, so etwa die Sonnengesellschaft in Speicher (1820) und die Freitagsgesellschaft in Bühler (1822). In der Freihofgesellschaft in Heiden (1821) hatte jeden Donnerstag ein Mitglied einen Vortrag zu halten «über einen belehrenden oder sonst interessanten Stoff»
1823 entstand die Vaterländische Gesellschaft, welche die Grundlage zur Kantonsbibliothek legte. Die Initianten dieser Institutionen kamen aus dem dichtverwobenen sozialen Umfeld einiger politisch führender Familien: Zellweger, Tobler, Honnerlag, Zuberbühler und Rüesch. Familie, Textilhandel und das Bekenntnis zur Philanthropie verband die Gründerväter. Sie erkannten die Bedürfnisse der Zeit. Die Umstellung von weitestgehend repetitiver Arbeit in der textilen Heimarbeit zu den variableren Einsatzfeldern gewerblicher Berufe setzte einen breiteren Horizont, flexiblere Reaktionen auf Veränderungen und kommunikative Fähigkeiten voraus. In diesem Umfeld entstand schliesslich auch die Idee zum Museum in Heiden, das jedoch erst einige Jahrzehnte später aus der Taufe gehoben wurde.
Blicken wir nochmals genauer auf das Provisorat in Heiden. Der Lehrplan schrieb wöchentlich 2 Stunden Religions- und Sittenlehre, 6 Stunden Deutsche Sprache, 6–8 Stunden Französische Sprache, 8 Stunden Rechnen und Geometrie und 6 Stunden Geschichte und Erdbeschreibung vor. Besonderes Gewicht kam neben dem Rechnen dem Französisch und dem Geographie-Unterricht zu. Interessant ist Toblers Begründung:
«Obgleich die französische Sprache weder zur Entwicklung des Geistes wesentlich, noch sonst geeignet ist, zur Veredlung des Menschen mitzuwirken, so muß sie dennoch, weil sie im Berufsleben nothwendig ist und Demjenigen nur Nutzen gewähren kann, der es sowohl im Sprechen als im schriftlichen Gebrauch derselben zu einer solchen Fertigkeit gebracht hat, mit Eifer und hinlänglichem Zeitaufwand gelehrt werden. Zur Uebung bemüht sich der Lehrer solchen Stoff zu wählen, der den Schülern irgend einen Nebennutzen gewähren kann. [...]  
Der Unterricht in der Erdbeschreibung muß ebenfalls dem geschichtlichen Unterrichte vorausgehen. Er soll gleich im Anfang des Kurses beginnen und darf im ganzen Laufe desselben nie ganz ausgesetzt werden. Es soll dabei nicht sowohl das Gedächtniß der Schüler durch Einprägung einer Menge Namen in Anspruch genommen, als vielmehr darauf hingearbeitet werden, daß sie richtige Begriffe und Vorstellungen über alles Wesentliche bekommen, was in dieses Fach einschlägt, damit ihr geistiger Gesichtskreis erweitert, ihr Verstand erleuchtet und ihr Gemüth dadurch zur Verehrung und Anbetung der unergründlichen Weisheit des Schöpfers und Erhalters der Welt angeregt werde.»

Französisch und Erdkunde waren Fächer, die eher den Reisenden als dem weiter oben erwähnten Gemeindeschreiber zugute kamen. Der Fokus der Anstalt lag also von Anfang an nicht nur auf «braven Bauern», sondern auf einer kaufmännischen Tätig­keit ausser Landes. Dies hat mit der spezifischen Strategie der Ostschweizer Textil­industrie zu tun. Durch das protektionistische  Umfeld im nachnapoleonischen Europa waren die Absatzmöglichkeiten für Textilien aus der Schweiz massiv eingeschränkt. Für die Handelsgesellschaften war dies eine grosse Herausforderung. Mit realistischem Blick wurde festgestellt, dass der schweizerische Binnenmarkt zu klein – und der europäische zu reguliert – war, um genügende Mengen an textilen Erzeugnissen aufzunehmen. Eine Lösung hätte nur in der Änderung des Angebotes liegen können – oder dann in der Suche nach neuen Absatzmärkten. Beide Optionen bedingten eine Früherfassung geeigneter junger Männer. Mit Eignungsabklärungen sollten mathematische oder sprachliche, künstlerische oder handwerkliche Fähigkeiten erkannt werden, die dann gezielt gefördert und genutzt werden konnten. Die handwerklichen Berufe profitierten davon genauso wie die Handelshäuser. Anders als in Städten mit Universitäten – St.Gallen hatte erst ab 1911 eine Hochschule – überwogen in der Ostschweiz bei diesen Selektionen die Interessen der Textilindustrie, welche die Förderung und den Ausbau des Handels favorisierte.

Der Aufstieg der Kaufmannslehre

Die Kaufmannslehre gewann im Textilbereich an Bedeutung. Zu den traditionellen Aufgaben wie Kalkulation, Buchführung, Lagerhaltung oder Warenkontrolle kam neu das Führen von Verhandlungen hinzu. Die dreijährige Lehre wurde oftmals mit der Auflage verbunden, anschliessend Auslands­erfahrungen in Eu­ropa und Übersee zu sammeln und damit andere Sprachen und geschäftliche Gepflogenheiten kennenzulernen. Geschäftsabschlüsse zu tätigen war ein Privileg, das früher meist den Mitgliedern der Besitzerfamilien vorbehalten war. Jetzt musste diese Verantwortung vermehrt auf Stellvertreter vor Ort übertragen werden können. Die Unternehmen erteilten durch die Prokura ausgewählten Mitarbeitern umfangreiche geschäftliche Vertretungsmacht.
«Nach dem Basler Bankier Jakob Sarasin sollte der angehende Kaufmann im 19. Jh. über eine gute Allgemeinbildung und hervorragende Kenntnisse der französischen und italienischen Sprache verfügen. Vorausgesetzt wurden auch sehr gute Rechenkenntnisse und v.a. ein umfassendes buchhalterisches Wissen. Lateinkenntnisse waren zum Verständnis juristischer Formeln notwendig. In der Regel besuchte in Basel ein angehender Kaufmann das Gymnasium und verbrachte einige Semester an der Universität, bevor er eine Bildungsreise unternahm oder während eines Aufenthalts im Ausland seine sprachlichen Fähigkeiten verbesserte. Eine erste Bewährung erfolgte als Agent oder Commis in einer ausländischen Niederlassung. Nach Rückkehr und Verheiratung konnte er dann ins Geschäft des Vaters oder Schwiegervaters eintreten und allenfalls nach der Etablierung auch politische Ämter übernehmen..»

Museum-Heiden019.jpg
Museum-Heiden_030.jpg
Museum-Heiden_032.jpg
Museum-Heiden_031.jpg

Kopieren und Exportieren

Der zunehmende Protektionismus anfangs des 19. Jahrhunderts liess die Ostschweizer Textilindustrie auf immer neue Märkte ausweichen. Jedes Jahrzehnt kam wieder ein neuer Kontinent dazu,  auf den sich die Produktion wegen guter Absatzzahlen zeitweise fokussierte: Italien in den 1810/20er Jahren, Südamerika ab 1820, der Nahe Osten in den 1830er/40er Jahren, ab 1850 Südostasien und später Japan, zuletzt Afrika seit den 1870er Jahren.
Hermann Wartmann beschreibt das Vertriebsmodell wie folgt: «Es lässt sich in aller Form eine neue Epoche unserer dichten Weberei von dem Zeitpunkte an datiren, wo einzelne unserer St.Gallischen Handelshäuser auf den Gedanken kamen, durch Toggenburgische Fabricanten die an den großen Fabricationsplätzen der Levante (Damascus, Aleppo, Bursa) für die einheimische Bevölkerung erzeugten, halbseidenen Kleiderstoffe ganz in Baumwolle nachzuahmen. Sie haben damit jenes in seiner ersten Anwendung mit dem glänzendsten Erfolge belohnte, seither nie mehr verlassene, sondern über die ganze bewohnte Erde ausgedehnte System eingeleitet: unsere einheimische bunte Fabrication durchaus den Bedürfnissen und dem Geschmack, ja sogar den Launen aller fremden, nicht in abendländischen Formen lebenden Völker anzupassen und sich von ihnen Regel und Richtschnur geben zu lassen. Dadurch wurde unsere Buntweberei in ganz anderer Weise, als bisher, exportfähig und begann sich überall Absatzgebiete zu erobern, wo immer nur halbwegs günstige Vorbedingungen vorhanden waren.»

Junge Kaufleute für Übersee

Um dieses System aufrechtzuerhalten, waren Marktinfor­-mation und ein Vertriebssystem vor Ort notwendig. Auf den Hauptabsatzmärkten konnte dies unter  Umständen noch durch jüngere Familienmitglieder gewährleistet werden. Doch der Personalbedarf der Textilindustrie war gross und die Märkte sehr verstreut. So war es nicht untypisch, sondern kam geradezu in Mode, dass junge Kaufmänner aus der Ostschweiz in alle Welt zogen, nach Rio de Janeiro, Valparaiso, Mexiko Stadt, Aleppo, Alexandria, Manila und Batavia (heute Jakarta). Die Handelsgesellschaften unterstützten diese Entwicklung aktiv und förderten intelligente, belastbare, durchsetzungsstarke und loyale Männer. Für die Handelshäuser waren gut ausgebildete Angestellte die Grundlage für ihre weitere Expansion. Dies konnte in bestehenden oder in zukunftsträchtigen neuen Geschäftsfeldern erfolgen.
Wie sich ein Aufbruch zu einem neuen Markt abspielen kann, beschreibt das Appenzeller Monatsblatt von 1847. Nachdem Grossbritannien China im Ersten Opiumkrieg besiegt und die Marktöffnung erzwungen hatte, traf das Kaufmännische Direktorium St.Gallen Abklärungen, ob es nicht möglich sei, direkte Handelsbeziehungen mit China zu errichten. Dazu kontaktierte es Interessenten in Ausserrhoden, Zürich und Glarus. Gesucht waren «zwei zuverlässige, des Handels und soviel möglich der schweizerischen Fabrication kundige Männer, denen alle erforderlichen Instruktionen, Empfehlungsschreiben, Creditbriefe, so wie eine möglichst vollständige Mustersammlung aller Gattungen von Seiden-, Baumwollen- und Leinen-Waaren, welche in den Cantonen Zürich, Appenzell und St.Gallen fabricirt werden, mitgegeben werden sollen.»
Das Projekt scheiterte an der Uneinigkeit über den Verteilungsschlüssel der Kosten. Doch das Handelshaus Tobler in Speicher  wartete nicht lange und schickte auf eigene Kosten einen jungen Appenzeller in Richtung Osten: «Sobald die Siege der Engländer das himmlische Reich dem Handel der Europäer zu öffnen angefangen hatten, richteten auch unsere Handelsleute und Gewerbsmänner ihr Augenmerk nach diesem Lande, um einen Markt für unsere Erzeugnisse daselbst zu suchen. Sie wählten eine Commission, die dem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zuwendet, und deren Ergebnisse wir unsern Lesern zu berichten hoffen. Das Handelshaus Gebrüder Tobler u. Comp. in Speicher legte unverzüglich Hand an's Werk und sandte im Herbstmonat 1843 einen Reisenden nach China, dem seither ein anderer nachgefolgt ist. Der erste Reisende war Herr Leonhard Eugster von Speicher, geb. 1821, 31. Weinmonat, ein Jüngling, der sich von Jugend auf durch gute Anlagen auszeichnete und dabei das Glück hatte, daß sein Vater sich seine Bildung sehr angelegen sein ließ, ihn der Cantonsschule anvertraute u. s. w.»9
Leonhard Eugster (1821–1868) stellte fest, dass auf dem chinesischen Markt vor allem simple und grobe Baumwollstoffe nachgefragt wurden, welche die Schweizer Industrie der starken britischen Konkurrenz überlassen musste. In Manila auf den Philippinen hingegen waren feine, bunte und gemusterte Stoffe im Schwang, weshalb Eugster für Tobler & Co dort eine Filiale eröffnete.

Museum-Heiden_033.jpg
Museum-Heiden020.jpg
Museum-Heiden_011.jpg
Museum-Heiden_009psd.jpg

Ausserrhoder in Südostasien

Eugster war nicht der einzige Schweizer, der in diesen Jahren in Richtung Asien aufbrach. Im Glarnerland hatte sich unter  Führung des Hauses P. Blumer & Jenny die India-Gesellschaft gebildet, welche den jungen Conrad Blumer (1817–1882) bereits 1840/41 für Marktabklärungen nach Indien, Singapur, Indonesien und den Philippinen schickte. Mit Johann Jakob Kelly (1793–1865) reiste 1843/44 selbst ein gestandener Fabrikherr nach Indien. Er leitete die Rotfarb in Mettendorf (SG). Kelly war erstaunt, in Bombay Bernhard Rieter, Associé von Greuter & Rieter in Islikon (TG), anzutreffen.
Die Hochjahre der Ostschweizer Exporte nach Südostasien war die Zeit von 1850 bis 1900. Hier finden wir zahlreiche Appenzeller in zum Teil wichtigen Positionen in den fernen westlichen Handelshäusern. In Singapur war Conrad Sturzenegger Partner des Hauses Rautenberg, Schmidt & Co., Johannes Niederer aus Trogen gründete das Handelshaus Niederer & Co in Batavia (Niederländisch-Indien). Dieses wurde nach seinem Tod von seinem Bruder Johann Ulrich Niederer-Rumpus und danach von Johannes Altheer aus Speicher geleitet. Ebenfalls in Batavia wirkte Conrad Sonderegger als Partner des Hauses Moormann & Co. Anfangs konzentrierten sich die Ostschweizer Kaufleute auf die Zentren Manila, Batavia und Singapur. Ab 1880 zeichnet sich eine feinere Verteilung ab. Bernhard Emil Mohn arbeitete bei Jucker, Sigg & Co in Bangkok. Heinrich Schiess aus Herisau machte eine Karriere vom Assistenten bis zum Partner beim Handelshaus van Houten, Steffan & Co in Padang an der Westküste Sumatras. Johannes Hug, ebenfalls aus Herisau, gründete Hug & Co in Penang (Malaysia).
Eine Partnerschaft in einem Handelshaus bedeutete oft ausgesprochen hohe Einkünfte und soziales Prestige. Einige dieser Kaufleute übernahmen nach ihrer Rückkehr in die Heimat wichtige Positionen in Wirtschaft oder Politik. Oder sie betätigten sich philanthropisch oder als Sammler. Die Stifter der ethnografischen Objekte im Museum Heiden sind solche Kaufleute (siehe Kapitel 4).  
Doch nicht alle hatten Glück. Otto Alder aus Speicher, später eine wichtige Figur in der Stickereiindustrie, arbeitete einige Jahre in Singapur. Sein Handelshaus ging aber Konkurs, worauf er zurückkehren musste. Hermann Küng aus Gais gab 1871 seine Assistentenstelle in Singapur auf, um in Sumatra Tabak zu pflanzen, kam dort jedoch gewaltsam zu Tode. Arnold Jakob aus Trogen soll nach sechs Jahren als Kaufmann in Batavia dem Wahnsinn verfallen sein und musste in die Schweiz zurückkehren. Der 21-jährige August Zellweger aus Trogen starb schon ein Jahr nach seiner Ankunft an Auszehrung, wie es damals hiess. Und schliesslich war da noch Johannes Zuberbühler aus Herisau, der nach seiner Assistentenzeit in Singapur in Saigon eine Ölmühle übernahm, dort dem Alkohol verfiel und nach Hause geschickt werden musste, wo er jung starb.

 

Karriere und Abenteuer

 

Die grosse Anzahl junger Männer aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden, die sich auf das Abenteuer in den Kolonien einliessen, überrascht. Die Motivationen, als junger Mann in die Welt zu ziehen, waren vielfältig. Der Auslandsaufenthalt war ein Paradeweg für den sozialen Aufstieg der jungen Kaufleute. Zusätzlich bot er auch den Reiz des Exotischen, wie es Otto Alder trefflich formulierte, nachdem sein Cousin aus Hemberg ein Engagement bei einem Handelshaus in Surabaya erhalten hatte:
 «Wie beneidete ich diesen Glückspilz! Hinaus in die Tropen durfte er, unter Palmen wandeln in jenem Lande der wundervollsten Vegetation der Erde, auf Java!»10
Eine Rolle werden auch erotische Verheissungen gespielt haben, welche unter den jungen Männern die Runde machten. Denn in Niederländisch-Indien gingen unverheiratete Europäer oft Beziehungen auf Zeit mit ihren Haushälterinnen ein.
Interessant ist der Vergleich mit Appenzell Innerrhoden: Dessen Einwohner wanderten äusserst selten aus – und wenn, dann nach Möglichkeit nicht allzu weit. Die Bindung an Familie und Heimat schien stärker zu sein. Zudem hatten sie schlechteren Zugang zu den Netzwerken der Textilkaufleute in Ausserrhoden und St.Gallen, welche fest in protestantischen Händen waren.

Selbstrealisierung als Auftrag

 

Die Unterstützung im mutigen Aufbruch der meisten Asiengänger ist im familiären Umfeld zu finden. Das Bildungsbürgertum, das traditionell auch politische Führungs- und Lenkungsaufgaben in Gemeinde und Kanton mittrug, entwickelte dank höherer Bildung ein neues  Rollenverständnis. «Werde, der du bist!» Es bildete sich eine Haltung heraus, die mit Eigenverantwortung und Selbständigkeit zur eigenen Weiterentwicklung verpflichtete. Auf den Veränderungsdruck wurde mit Veränderungsbereitschaft reagiert. Die Gemeinsamkeiten im familiären Umfeld von Conrad Sonderegger, Hermann und Johann Küng und Traugott Zimmermann scheinen das Muster zu bestätigen. Die Generation der Eltern entstammte dem aufstrebenden Bildungsbürgertum. Sie übten soziale oder pädagogische Berufe (Mediziner, Lehrer) aus. Diese Generation hat Bildung als Chance und Privileg erkannt, vermittelt und vorgelebt.
Während die erfolgreichen Exponenten im Ge­dächtnis bleiben, geraten die weniger Erfolgreichen schnell in Vergessenheit. Endeten die Geschäfte in Übersee nicht in spektakulären Konkursen, gewalttätigen Auseinandersetzungen oder gerichtlichen Nachspielen, sind in amtlichen Archiven kaum Dokumente zu finden. Damit sind die Erfolgreichen im kollektiven Gedächtnis überrepräsentiert und scheinen die ganze Bewegung abzubilden. Der Schein trügt.